Lewis Hine
Fotografie als Werkzeug für soziale Veränderung
Lewis Wickes Hine (1874–1940) gehört zu den bedeutenden Vertretern der sozialdokumentarischen Fotografie. Für ihn war die Kamera nicht nur ein Mittel, um die Welt abzubilden. Seine Fotografien sollten sichtbar machen, unter welchen Bedingungen Menschen lebten und arbeiteten – und damit gesellschaftliche Veränderungen unterstützen.
Besonders bekannt wurde Hine durch seine Fotografien arbeitender Kinder in den Vereinigten Staaten. Tausende seiner Aufnahmen dokumentieren eine Arbeitswelt, die heute kaum noch vorstellbar erscheint.
Vom Lehrer zum Fotografen
Lewis Wickes Hine wurde 1874 in Oshkosh im US-Bundesstaat Wisconsin geboren. Später arbeitete er als Lehrer an der Ethical Culture School in New York und beschäftigte sich mit Soziologie. Seine Ausbildung und sein Interesse an gesellschaftlichen Fragen prägten auch seinen späteren Umgang mit der Fotografie.
Ab 1905 fotografierte Hine Einwanderer auf Ellis Island. Dabei entstanden zahlreiche Aufnahmen von Menschen und Familien, die nach ihrer Ankunft in den Vereinigten Staaten auf ein neues Leben hofften. Das George Eastman Museum besitzt beispielsweise Fotografien einer italienischen Familie auf der Fähre von Ellis Island aus dem Jahr 1905.
Schon hier wird etwas deutlich, das für Hines weiteres Werk charakteristisch werden sollte: Menschen waren für ihn nicht einfach anonyme Bestandteile einer gesellschaftlichen Statistik. Seine Kamera richtete sich auf einzelne Personen und deren Lebensumstände.

Mit der Kamera gegen Kinderarbeit
1908 begann Hine für das National Child Labor Committee (NCLC) zu arbeiten. Seine Aufgabe war ungewöhnlich: Er sollte die Arbeitsbedingungen von Kindern in den Vereinigten Staaten untersuchen und fotografisch dokumentieren.
Hine reiste dafür durch das Land. Er fotografierte Kinder in Baumwollspinnereien, Fabriken, Bergwerken und Konservenfabriken, auf Farmen und bei verschiedenen Arbeiten auf der Straße. Die heute in der Library of Congress erhaltene NCLC-Sammlung umfasst mehr als 5.100 fotografische Abzüge und 355 Glasnegative aus dem Zeitraum von 1908 bis 1924.
Die Bilder entstanden keineswegs immer mit Zustimmung der Unternehmen. Fabrikbesitzer hatten wenig Interesse daran, einen Fotografen hereinzulassen, dessen Aufnahmen die Arbeitsbedingungen öffentlich machen konnten.
Hine bezeichnete diese Tätigkeit später selbst als eine Art „Detektivarbeit“. Um Zugang zu Betrieben zu bekommen, trat er unter anderem als Bibel- oder Postkartenverkäufer sowie als Industriefotograf auf. Gelang ihm der Zugang nicht, fotografierte er Kinder teilweise vor den Betrieben.
Fotografie und Information gehörten zusammen
Eine Besonderheit von Hines Arbeit liegt darin, dass er sich nicht allein auf die Wirkung seiner Fotografien verließ.
Zu vielen Bildern gehören ausführliche Bildtexte und Aufzeichnungen. Darin hielt er beispielsweise Namen, Alter, Arbeitsort oder Informationen über die Tätigkeit der fotografierten Kinder fest. Bild und Information wurden damit gemeinsam zum Dokument.
Das war wichtig, denn Hines Fotografien entstanden nicht primär für eine Ausstellung im heutigen Sinne. Das National Child Labor Committee verwendete sie unter anderem in Berichten, Ausstellungen und anderen Informationsmaterialien, um auf Kinderarbeit aufmerksam zu machen.
Die Fotografie bekam damit eine konkrete gesellschaftliche Aufgabe.
Die Kinder vor Hines Kamera
Viele von Hines bekanntesten Fotografien zeigen Kinder zwischen gewaltigen Maschinen oder innerhalb großer Fabrikhallen.
Gerade bei diesen Bildern ist es wichtig, nicht mehr in sie hineinzulesen, als tatsächlich zu sehen oder durch Hines Aufzeichnungen belegt ist. Gesichtsausdruck, Körperhaltung oder Blickrichtung können schnell zu Geschichten verleiten, die wir aus heutiger Perspektive ergänzen.
Hines Stärke liegt jedoch gerade darin, dass solche Ergänzungen gar nicht notwendig sind.
Ein Kind in einer Spinnerei, ein Zeitungsjunge auf der Straße oder ein Junge bei der Arbeit in einer Glasfabrik werden durch Aufnahmeort, Arbeitsumgebung und die überlieferten Informationen bereits zu aussagekräftigen historischen Dokumenten. Ein Beispiel ist Hines Aufnahme eines Jungen, der im August 1908 nachts um ein Uhr in einer Glasfabrik in Indiana arbeitete.
Die dokumentierte Situation spricht für sich.
Mehr als Kinderarbeit
Hine auf seine Fotografien zur Kinderarbeit zu reduzieren, würde seinem Werk allerdings nicht gerecht.
Seine fotografische Arbeit lässt sich grob in mehrere große Bereiche einteilen: die Einwanderer auf Ellis Island, die Dokumentation der Kinderarbeit und später die Beschäftigung mit Industrie und erwachsenen Arbeitern.
Nach dem Ersten Weltkrieg dokumentierte er außerdem für das Amerikanische Rote Kreuz humanitäre Arbeit in Europa. Das George Eastman Museum beschreibt sein Gesamtwerk entsprechend als Dokumentation von Kinderarbeit, Immigration sowie schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen.
Männer bei der Arbeit
Um 1930 erhielt Hines Fotografie noch einmal einen anderen Schwerpunkt.
Beim Bau des Empire State Building fotografierte er die Arbeiter, die in großer Höhe an der Konstruktion des Wolkenkratzers arbeiteten. Daraus entwickelte sich die Werkgruppe Men at Work.
Auch hier stehen Menschen und Arbeit im Mittelpunkt, doch die Perspektive ist eine andere. Die Arbeiter erscheinen nicht nur als Teil einer industriellen Konstruktion. Hine machte ihre Tätigkeit und ihren Anteil an der Entstehung eines der bekanntesten Bauwerke New Yorks sichtbar.
Aufnahmen von Stahlarbeitern auf den Trägern des Empire State Building gehören heute zu seinen bekanntesten Fotografien. Originale und Negative dieser Serie befinden sich unter anderem in der Sammlung des George Eastman Museum.

Fotografie mit einer Aufgabe
Lewis Hine verstand Fotografie nicht als neutralen Vorgang.
Seine Bilder sollten informieren und überzeugen. Dabei wusste er durchaus um die Bedeutung fotografischer Gestaltung. Das Metropolitan Museum of Art weist darauf hin, dass Hine Fotografie unterrichtete, mit Schülern Alfred Stieglitz‘ Galerie besuchte und davon überzeugt war, dass eine gute bildnerische Gestaltung die Wirkung einer gesellschaftlichen Botschaft verstärken konnte.
Damit verbindet sein Werk zwei Aspekte, die manchmal künstlich voneinander getrennt werden: Dokumentation und Gestaltung.
Ein dokumentarisches Foto muss nicht gestalterisch belanglos sein, um glaubwürdig zu bleiben.
Bedeutung für die Fotografie
Lewis Hine zeigte früh, welche gesellschaftliche Wirkung fotografische Dokumentation entfalten kann, wenn Bilder systematisch recherchiert, mit Informationen versehen und gezielt veröffentlicht werden.
Seine Fotografien wurden Teil einer öffentlichen Auseinandersetzung über Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit. Das National Child Labor Committee setzte sie ausdrücklich im Rahmen seiner Informations- und Reformarbeit ein.
Gleichzeitig besitzen viele dieser Aufnahmen eine fotografische Qualität, durch die sie weit über ihre ursprüngliche Funktion hinaus Bestand haben.
Heute sind sie historische Quellen, sozialgeschichtliche Dokumente und bedeutende Werke der Fotografiegeschichte zugleich.
Lewis Hine gehört zu den Fotografen, bei denen sich besonders deutlich zeigt, dass Fotografie mehr sein kann als das Festhalten eines Augenblicks.
Er fotografierte Menschen, deren Lebens- und Arbeitsbedingungen außerhalb ihres unmittelbaren Umfeldes häufig kaum wahrgenommen wurden. Dabei verband er seine Bilder mit Recherche und konkreten Informationen.
Vielleicht liegt genau darin die bleibende Stärke seiner Arbeit: Hine musste das Elend seiner Motive nicht künstlich dramatisieren. Er machte es sichtbar.
Und manchmal ist genau das die größte Wirkung, die eine Fotografie erzielen kann.



