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Canon RF: Gute Kameras, aber zu wenig Wahlfreiheit?

Wer über viele Jahre mit Canon fotografiert, entscheidet sich beim Wechsel zu einer neuen Kamera selten völlig neu. Die Bedienung ist vertraut, Objektive sind vorhanden, und mit der Ausrüstung verbinden sich Erfahrungen. Der Umstieg von einer EOS-Spiegelreflexkamera zum spiegellosen EOS-R-System liegt deshalb nahe. Doch spätestens beim nächsten Objektivkauf stellt sich eine Frage: Wie viel Auswahl bietet das neue System eigentlich?

In Diskussionen unter Canon-Nutzern begegnet mir immer wieder Unzufriedenheit mit der eingeschränkten Auswahl an Fremdobjektiven. Dabei geht es um ein nachvollziehbares Anliegen: Auch wer mit seiner Kamera zufrieden ist, möchte bei Objektiven zwischen unterschiedlichen Herstellern, Konzepten und Preisen wählen können.

Canon RF und Fremdobjektive: Die Unterscheidung ist wichtig

Die Aussage, Canon lasse grundsätzlich keine Fremdobjektive zu, stimmt in dieser Form inzwischen nicht. Für Kameras mit APS-C-Sensor gibt es mehrere lizenzierte Autofokusobjektive von Sigma und Tamron. Sigma bietet beispielsweise das 18–50 mm F2.8, das 10–18 mm F2.8 und das 17–40 mm F1.8 an. Bei Tamron gehören unter anderem das 11–20 mm F2.8 und inzwischen auch das 17–70 mm F2.8 zum RF-Angebot. Diese Objektive werden unter Lizenz von Canon entwickelt, hergestellt und verkauft.

Für eine Kamera wie meine EOS R7 hat sich die Auswahl dadurch erweitert. Bei Vollformat sieht die Situation anders aus: In den aktuellen RF-Sortimenten von Sigma und Tamron fehlen weiterhin native Vollformatobjektive mit Autofokus. „Nativ“ bedeutet hier, dass das Objektiv direkt an den RF-Anschluss passt und keinen Adapter benötigt.

Manuell fokussierte Vollformatobjektive anderer Hersteller sind durchaus erhältlich, beispielsweise von Voigtländer. Für jemanden, der ein Standardzoom oder eine Festbrennweite mit Autofokus sucht, ersetzen sie jedoch nicht die gewünschte Alternative. Die Kritik muss deshalb genau benennen, welche Auswahl fehlt.

Warum die Kritik an Canon einen realen Hintergrund hat

Der Unmut kommt nicht aus dem Nichts. 2022 erklärte Canon Deutschland gegenüber Photografix, dass bestimmte RF-Autofokusobjektive von Viltrox nach Canons Auffassung Patent- und Geschmacksmusterrechte verletzten. Canon forderte das Unternehmen auf, entsprechende Handlungen einzustellen.

Das war ein konkreter Eingriff gegen bestimmte Produkte. Daraus lässt sich kein allgemeines Verbot sämtlicher Fremdobjektive ableiten. Ebenso wenig sollte man Canons damalige Einschätzung einer Rechtsverletzung als gerichtlich festgestellte Tatsache darstellen.

Auch die heutige Lizenzpolitik bleibt von außen schwer durchschaubar. Im Interview mit Phototrend zur CP+ 2026 erklärte Canon-Manager Go Tokura sinngemäß, Canon unterscheide in dieser Frage nicht grundsätzlich zwischen Vollformat und APS-C. Einzelheiten bespreche das Unternehmen nicht öffentlich.

Damit bleiben die Gründe für fehlende Vollformatangebote von Sigma und Tamron offen. Welche Rolle Lizenzbedingungen, wirtschaftliche Überlegungen oder Entscheidungen der beteiligten Hersteller spielen, lässt sich anhand dieser Aussagen nicht abschließend beurteilen. Sichtbar ist aber das Ergebnis für die Nutzer: Die Auswahl, die sie sich wünschen, steht weiterhin nicht zur Verfügung.

Wahlfreiheit bedeutet mehr als einen günstigeren Preis

Fremdobjektive werden oft auf ihre Rolle als preiswerte Alternative reduziert. Für Hobbyfotografen ist der Preis selbstverständlich wichtig. Aber die Entscheidung für ein Objektiv hängt ebenso von Gewicht, Größe, Lichtstärke, Brennweitenbereich und den eigenen Motiven ab.

Wer auf Spaziergängen fotografiert, sucht vielleicht ein kompaktes Zoom. Wer Tiere oder Sport aufnimmt, legt Wert auf Autofokus und Reichweite. Für Nachtaufnahmen kann eine lichtstarke Festbrennweite interessant sein. Nicht jeder möchte dafür dieselben Kompromisse eingehen oder denselben Betrag ausgeben.

Mehr Hersteller erhöhen die Chance, eine passende Kombination zu finden. Sie bieten unterschiedliche Lösungen an und schaffen zusätzliche Vergleichsmöglichkeiten. Ein Objektiv muss dabei weder das günstigste noch das technisch aufwendigste sein. Es muss zur eigenen Fotografie passen.

Genau deshalb finde ich den Wunsch nach mehr Auswahl berechtigt. Zufriedenheit mit einer Canon-Kamera und Kritik am Objektivangebot können problemlos nebeneinanderstehen.

Der EF-Adapter hilft – und beantwortet trotzdem nicht jede Frage

Ein wichtiges Argument für den Verbleib bei Canon ist die Weiterverwendung vorhandener EF-Objektive. Canon bietet dafür den EF-EOS-R-Adapter an. Auch zahlreiche EF-Objektive von Fremdherstellern lassen sich weiter nutzen, wobei Modell und Firmwarestand zu beachten sind. Tamron veröffentlicht dazu eine eigene Kompatibilitätsübersicht.

Ich verwende selbst ein Sigma 24–70 mm F2.8 mit EF-Anschluss über einen Adapter. Diese Möglichkeit gehört für mich selbstverständlich zur Betrachtung des Systems. Vorhandene Ausrüstung wird durch einen neuen Kameraanschluss nicht automatisch unbrauchbar.

Trotzdem beantwortet der Adapter eine andere Frage als ein wachsendes Angebot nativer Objektive. Er ermöglicht die Nutzung bestehender Konstruktionen. Wer ein neues, direkt für das spiegellose System entwickeltes Objektiv kaufen möchte, erwartet zusätzliche Optionen. Je nach Konstruktion können dabei auch Baugröße und Gewicht eine Rolle spielen; ein natives Objektiv ist allerdings nicht automatisch kleiner oder besser.

Die Antwort „Du kannst doch EF adaptieren“ ist deshalb hilfreich, aber sie erledigt die Diskussion über die künftige Entwicklung des Systems nicht.

Canon bietet durchaus eigene Alternativen

Eine faire Betrachtung muss berücksichtigen, dass Canon sein RF-Angebot weiterentwickelt und auch Objektive außerhalb der hochpreisigen L-Serie anbietet. Das RF 28–70 mm F2.8 IS STM ist beispielsweise ein lichtstarkes Standardzoom ohne L-Kennzeichnung. Auch kompakte Festbrennweiten gehören zum System.

Ich nutze selbst das RF 16 mm F2.8 und das RF 85 mm F2. Die pauschale Behauptung, Canon biete Hobbyfotografen ausschließlich teure Profiobjektive an, würde daher zu kurz greifen.

Trotzdem ist ein eigenes Angebot etwas anderes als eine Wahl zwischen mehreren Herstellern. Ob Canon ein bestimmtes Objektiv zu einem bestimmten Preis anbietet, beantwortet noch nicht die Frage, ob ein anderer Hersteller für meine Anforderungen die passendere Lösung hätte.

Systemtreue braucht eine Perspektive

Ein Kamerasystem zu wechseln bedeutet Aufwand. Objektive, Zubehör und Bediengewohnheiten spielen dabei ebenso eine Rolle wie das Geld, das bereits investiert wurde. Wer mit seiner Kamera grundsätzlich zufrieden ist, möchte diesen Wechsel häufig gar nicht.

Gerade deshalb sollte Kritik langjähriger Nutzer ernst genommen werden. Der Wunsch nach mehr Fremdobjektiven ist kein Widerspruch zur Freude am Fotografieren mit Canon. Er zeigt vielmehr, dass Menschen ihr vorhandenes System weiter nutzen und sinnvoll ausbauen möchten.

Meine Erwartung ist deshalb einfach: mehr Wahlfreiheit, insbesondere bei nativen Vollformat-Autofokusobjektiven, und eine klarere Kommunikation zur weiteren Öffnung des RF-Systems. Die Fortschritte bei APS-C zeigen, dass Zusammenarbeit möglich ist. Für Vollformatnutzer bleibt der Wunsch nach vergleichbaren Möglichkeiten bestehen.

Gute Kameras sind ein wichtiger Grund, einem Hersteller treu zu bleiben. Ein vielseitiges Objektivangebot ist ein ebenso wichtiger Grund, diese Entscheidung auch in Zukunft gern zu treffen.

Recherche- und Angebotsstand: 10. Oktober 2026.

Quellen und weiterführende Informationen

Die folgenden Quellen bieten Einblicke in das verfügbare Objektivangebot, Canons öffentliche Aussagen und die Weiterverwendung vorhandener EF-Objektive:

Objektivangebote und Kompatibilitätsangaben können sich ändern. Maßgeblich sind die aktuellen Informationen der jeweiligen Hersteller.

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