Fotografie-Blog

Objektivtests und der eigene Blick auf Bildqualität

Muss es immer ein L-Objektiv sein?

Wenn ich mir Tests von Canon-Objektiven ansehe, fällt mir immer wieder auf, wie überzeugend auch die Bilder der günstigeren RF-Objektive aussehen. Teilweise wirken sie auf mich ähnlich detailreich und scharf wie Aufnahmen, die in anderen Tests mit deutlich teureren L-Objektiven gezeigt werden.

Das ist zunächst meine Wahrnehmung. Die Bilder entstehen mit unterschiedlichen Kameras, bei anderem Licht und mit unterschiedlicher Bearbeitung. Einen direkten Vergleich kann ich daraus nicht ableiten. Trotzdem bleibt eine Frage hängen: Wie viel von den technischen Unterschieden spielt für meine eigene Fotografie tatsächlich eine Rolle?

Ich fotografiere mit der Canon EOS R6 Mark II und der EOS R7. Deshalb interessiert mich besonders, was ein Objektiv an diesen Kameras in der Praxis ermöglicht. Der rote Ring allein beantwortet diese Frage noch nicht.

Was wir in einem Objektivtest eigentlich sehen

Ein Testfoto zeigt immer das Ergebnis einer ganzen Aufnahmekette. Das Objektiv trägt seinen Teil dazu bei, ebenso der Sensor, die Fokussierung und die Bildverarbeitung. Nachschärfung und Rauschminderung beeinflussen zusätzlich, wie klar und detailreich das Bild erscheint. Diese Zusammenhänge beschreibt auch Imatest in seiner Erklärung zur Bildschärfe.

Wird ein Objektiv an einer Kamera mit 24 Megapixeln und ein anderes an einer Kamera mit 45 Megapixeln getestet, lassen sich die Ergebnisse deshalb nicht ohne Weiteres gegeneinander halten. Beide Tests können sorgfältig durchgeführt sein. Für einen direkten Vergleich der Objektive fehlt aber eine gemeinsame Grundlage.

Das gilt besonders für die beliebten 100-Prozent-Ausschnitte. Dabei entspricht ein Bildpixel einem Monitorpixel. Bei gleichem Motiv und Bildausschnitt wird die Aufnahme mit mehr Megapixeln dadurch stärker vergrößert betrachtet.

Ein Beispiel: Die EOS R5 besitzt rund 45 Megapixel, die R6 II rund 24,2 Megapixel. Rechnerisch ergibt das ungefähr 36 Prozent mehr Pixel in der Bildbreite. In der 100-Prozent-Ansicht werden damit auch kleine Unschärfen stärker vergrößert. Das höher aufgelöste Bild kann auf Pixelebene ähnlich scharf oder etwas weicher wirken und dennoch insgesamt mehr Motivdetails enthalten.

Für die praktische Beurteilung lohnt sich deshalb eine zweite Ansicht: beide Bilder mit gleichem Bildausschnitt auf dieselbe Ausgabegröße bringen. Erst dann sieht man, welcher Unterschied im gleich großen fertigen Foto übrig bleibt.

Warum die R7 genauer hinschaut

Bei der R7 reicht ein Blick auf die Megapixelzahl allein ebenfalls nicht aus. Ihre rund 32,5 Megapixel verteilen sich auf einen kleineren APS-C-Sensor. Die Pixel sitzen dichter beieinander als bei der R6 II und auch dichter als bei der R5.

Zur Einordnung: Mit ähnlich hoher Pixeldichte hätte ein Vollformatsensor ungefähr 83 Megapixel. Diese Zahl ist eine rechnerische Veranschaulichung auf Grundlage des Cropfaktors von etwa 1,6. Sie macht aus der R7 selbstverständlich keine 83-Megapixel-Kamera.

Die dichte Abtastung kann Schwächen bei der Wiedergabe feinster Strukturen deutlicher zeigen. Gleichzeitig nutzt die R7 bei einem Vollformatobjektiv nur den inneren Bereich des Bildkreises. Die äußersten Bildecken des Vollformats, in denen manches Objektiv stärker nachlässt, werden gar nicht aufgezeichnet.

Beides wirkt zusammen. Ein Vollformatobjektiv kann an der R7 bis zum Bildrand überzeugend aussehen, obwohl es im Vollformat schwächere Ecken zeigt. Zugleich können seine Grenzen bei feinsten Details in der vergrößerten Ansicht sichtbar werden.

Eine einfache Rangfolge nach dem Muster „mehr Megapixel gleich höhere Anforderungen“ greift beim Vergleich unterschiedlicher Sensorgrößen deshalb zu kurz. Außerdem verändert der kleinere Sensor den Bildwinkel. Für vergleichbare Motivausschnitte müssen gegebenenfalls Brennweite oder Aufnahmestandpunkt angepasst werden.

Testbilder zeigen Unterschiede – aber welchen Alltag?

Eine Testtafel kann sehr gut zeigen, wie sich die Schärfe von der Bildmitte bis zum Rand verändert. Sie beantwortet jedoch nur einen Teil der Fragen, die bei einer Fototour wichtig werden.

Wie verhält sich das Objektiv bei Gegenlicht? Wie angenehm lässt es sich tragen und bedienen? Wie zuverlässig sitzt der Fokus am eigenen Motiv? Und gefällt mir die Zeichnung der unscharfen Bereiche? Solche Eigenschaften erschließen sich aus einem einzelnen Detailausschnitt kaum.

Auch schöne Beispielbilder brauchen Einordnung. Eine Aufnahme bei gutem Licht und mittlerer Blende zeigt, was unter diesen Bedingungen möglich ist. Sie sagt wenig darüber aus, wie dasselbe Objektiv bei Offenblende, in einer dunklen Umgebung oder am anderen Ende seines Zoombereichs arbeitet.

Dazu kommt die Darstellung. In einem verkleinerten Webbild oder einem Video lassen sich feinste Unterschiede oft kaum beurteilen. Komprimierung, Skalierung und Bearbeitung verändern den Eindruck zusätzlich. Umgekehrt kann ein stark vergrößerter Ausschnitt einen Unterschied sehr wichtig erscheinen lassen, der in der späteren Verwendung praktisch keine Rolle spielt.

Deshalb finde ich Tests hilfreich, wenn sie ihre Bedingungen erklären und verschiedene Situationen zeigen. Ihre Aussage wird für mich besonders wertvoll, sobald ich sie auf meine eigenen Motive übertragen kann.

Was L-Objektive bieten können

Es gibt gute Gründe, sich für ein L-Objektiv zu entscheiden. Je nach Modell gehören dazu hohe Lichtstärke, eine gleichmäßigere Leistung über das Bildfeld, aufwendige Korrekturen optischer Fehler oder eine robuste, gegen Staub und Spritzwasser geschützte Konstruktion.

Solche Eigenschaften können einen erheblichen praktischen Unterschied machen. Wer häufig bei Offenblende fotografiert, Bilddetails bis in die Ecken benötigt oder seine Ausrüstung regelmäßig unter anspruchsvollen Bedingungen einsetzt, kann davon profitieren.

Der Vergleich muss allerdings zwischen konkreten Objektiven stattfinden. Die L-Serie umfasst unterschiedliche Konstruktionen mit unterschiedlichen Stärken und Kompromissen. Ein roter Ring ist keine Garantie dafür, dass ein Objektiv bei jeder Brennweite, Blende und Aufnahmesituation einem günstigeren Modell sichtbar überlegen ist.

Und eine begriffliche Kleinigkeit ist wichtig: STM bezeichnet den Autofokusantrieb und keine Qualitätsklasse. Es gibt auch L-Objektive mit STM. Gemeint sind hier die preiswerteren RF-Objektive ohne L-Kennzeichnung.

Muss es für die eigene Fotografie ein L-Objektiv sein?

Für mich beginnt die Entscheidung mit einer konkreten Frage: Was fehlt mir bei meinen Aufnahmen?

Wenn ein Objektiv bei wenig Licht zu lichtschwach ist, die gewünschte Nahaufnahme nicht ermöglicht oder am häufig verwendeten Brennweitenende sichtbar nachlässt, lässt sich gezielt nach einer Verbesserung suchen. Diese kann in einem L-Objektiv liegen. Sie kann aber ebenso durch ein passendes RF-Objektiv ohne roten Ring entstehen.

Auch Größe und Gewicht gehören zur Bewertung. Ein kompaktes Objektiv, das gern mitgenommen wird, hat einen sehr greifbaren Nutzen. Ein größerer Zoombereich oder eine kürzere Naheinstellgrenze kann für die eigenen Motive wichtiger sein als ein Vorsprung in der äußersten Bildecke.

Die vorhandene Kamera verpflichtet dabei zu keiner bestimmten Objektivklasse. Ein hochauflösender Sensor macht ein günstigeres Objektiv nicht schlechter. Er kann dessen Grenzen deutlicher sichtbar machen und zugleich zusätzliche Details erfassen. Nicht jede Kombination schöpft alle Reserven der Kamera aus. Daraus folgt aber noch kein unzureichendes Foto.

Dass Licht, Gestaltung und der Umgang mit der Ausrüstung ebenfalls zum Ergebnis beitragen, gehört für mich dazu. Daraus muss an dieser Stelle keine Grundsatzdiskussion werden. Es reicht, den Objektivkauf an einem tatsächlichen Bedarf festzumachen.

Der rote Ring bleibt eine Entscheidung

Meine Beobachtung beim Betrachten von Tests beweist keine Gleichwertigkeit günstiger und teurer Objektive. Sie ist für mich aber ein Anlass, genauer hinzusehen: Welche Unterschiede werden gezeigt, unter welchen Bedingungen entstehen sie und welche Bedeutung haben sie für meine Bilder?

Ein L-Objektiv kann eine sinnvolle und erfreuliche Anschaffung sein. Ein gutes RF-Objektiv ohne L kann genauso gut zur eigenen Fotografie passen. Als Hobbyfotograf muss ich nicht jede technische Reserve ausnutzen. Ich möchte eine Ausrüstung, mit der ich meine Motive so aufnehmen kann, wie ich sie mir vorstelle.

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