Plattenporträts

Taj Farrant – eine Bluesrock-Entdeckung mit „Chapter One“

Manchmal begegnet einem ein Musiker, bei dem man sich fragt, warum man seinen Namen bisher nicht auf dem Schirm hatte. Taj Farrant ist für mich so eine Entdeckung. Der junge Australier war mir bislang nicht bekannt. Dabei hat er bereits mit Musikern wie Carlos Santana und Buddy Guy auf der Bühne gestanden und 2024 sein Debütalbum „Chapter One“ veröffentlicht.

Entdeckt habe ich ihn über Roon Radio. Nachdem ich „Miami Moon“ von Devon Allman über Qobuz gehört hatte, spielte Roon Radio anschließend Musik von Taj Farrant ab. So wurde aus dem Ende eines Albums der Anfang einer neuen musikalischen Entdeckung. Über Roon und seine Möglichkeiten habe ich bereits in meinem Beitrag „Musik erleben statt nur abspielen – ein tiefer Blick in die Welt von Roon“ geschrieben.

Natürlich macht sein Alter neugierig: Bei Erscheinen des Albums war Farrant gerade einmal 15 Jahre alt. Für mich ist aber eine andere Frage spannender: Welche Musik steckt hinter der Aufmerksamkeit für dieses junge Talent?

Ein AC/DC-Konzert als Anfang

Der Wunsch, Gitarre zu spielen, entstand bei einem AC/DC-Konzert. Angus Youngs Auftritt beeindruckte Taj so sehr, dass er selbst auf die Bühne wollte. Im Interview mit der Chicago Sun-Times erzählt er, dass er zum siebten Geburtstag seine erste Gitarre bekam. Danach wurde aus Begeisterung intensive Beschäftigung: Bevor Tourneen seinen Alltag bestimmten, übte er nach eigener Aussage sieben bis acht Stunden täglich.

Videos im Internet und Auftritte bei „Australia’s Got Talent“ sowie in der „Ellen DeGeneres Show“ machten ihn einem größeren Publikum bekannt. Seine Familie unterstützte ihn auf diesem Weg und zog mit ihm in die USA. Dort sammelte er weitere Bühnenerfahrung, unter anderem bei Auftritten im Rahmen von Buddy Guys Abschiedstour.

Hinter der schnellen Bekanntheit stehen also auch viel Übung, familiärer Rückhalt und das Lernen auf der Bühne.

Zwischen Gary Moore und Stevie Ray Vaughan

Auf die Frage nach seinen Lieblingsgitarristen nennt Farrant Gary Moore, Stevie Ray Vaughan und Eric Johnson. Das gibt einen guten Hinweis auf die musikalische Welt, in der er sich bewegt: ausdrucksstarke elektrische Gitarre, Blues als Grundlage und genügend Platz für Rock.

„Chapter One“ ist entsprechend kein ausschließlich traditionelles Bluesalbum. Die musikalische Bandbreite reicht in Richtung Rock, Soul und Pop. Gerade diese Offenheit macht mich neugierig. Blues muss für mich nicht auf eine bestimmte Zeit oder eine festgelegte Klangvorstellung begrenzt bleiben. Interessant wird es, wenn jüngere Musiker ihre Einflüsse aufnehmen und daraus etwas Eigenes entwickeln.

„Chapter One“: eigene Songs und zwei vertraute Klassiker

Das Debüt erschien am 28. August 2024 bei T & J Records. Es umfasst elf Titel mit einer Spielzeit von gut 42 Minuten: neun eigene beziehungsweise gemeinsam geschriebene Stücke und zwei Coverversionen.

Ein wichtiger Partner war Ken Lewis, der an Produktion, Mischung und Songwriting großer Teile des Albums beteiligt war. Die Zusammenarbeit gehört zur Entstehungsgeschichte dazu: Farrant steht im Mittelpunkt, hat dieses Debüt aber mit Unterstützung eines erfahrenen Studiopartners entwickelt.

Die beiden Cover am Ende des Albums setzen erkennbare Bezugspunkte. „Ain’t No Sunshine“ stammt von Bill Withers, „Tightrope“ von Stevie Ray Vaughan und Doyle Bramhall. Solche bekannten Stücke bieten einen guten Einstieg, um zu entdecken, wie ein junger Musiker mit vertrautem Material umgeht.

Bei einem anderen Titel lohnt sich ein zweiter Blick: „Crossroads“ ist laut Albumcredits eine Eigenkomposition Farrants. Der Name führt hier leicht auf die falsche Fährte zum gleichnamigen Bluesklassiker.

Wo sich das Hineinhören lohnt

Wer sich zunächst orientieren möchte, kann mit „Beautiful Things“ und dem anschließenden „Bad Trip“ beginnen. Das niederländische Blues Magazine beschreibt den kurzen instrumentalen Auftakt mit einem Verweis auf Pink Floyd. Bei „Cruz“ hebt die Rezension Latin-Anklänge hervor – ein Hinweis darauf, dass sich das Album nicht auf einen einzigen Bluesrock-Sound beschränkt.

Besonders neugierig macht mich „Mumma Raised a Man“. Nach der Besprechung von Blues Rock Review greift Farrant darin die Unterstützung seiner Eltern auf. Der Song entwickelt sich von einem ruhigeren Bluesbeginn zu einem kräftigeren Zusammenspiel aus Gesang und Gitarre. Damit bekommt seine Geschichte auch innerhalb des Albums einen persönlichen Bezug.

Die Rezensionen fallen insgesamt positiv aus, sind sich aber nicht in jeder Hinsicht einig. Blues Rock Review lobt die professionelle Umsetzung und vergibt 8,5 von 10 Punkten. Blues Magazine sieht trotz großer Begeisterung noch Spielraum bei der Produktion. Das sind hilfreiche Anhaltspunkte für den Einstieg; das eigene Hören ersetzen sie nicht.

Dieses Album hätte ich gern auf Vinyl

„Chapter One“ ist unter anderem bei Qobuz verfügbar, dort auch in 24 Bit/96 kHz. Für mich ist das eine unkomplizierte Möglichkeit, einen bislang unbekannten Musiker näher kennenzulernen.

Eine aktuell erhältliche Vinyl-Ausgabe konnte ich bei der Recherche nicht verlässlich finden. Schade, denn dieses Album hätte ich gern auf Schallplatte. Gerade bei solchen Entdeckungen mag ich es, ein Album bewusst aufzulegen und ihm die Zeit einer ganzen Plattenseite zu geben. Bis dahin bleibt Streaming eine gute Möglichkeit, in Farrants Musik einzutauchen.

Ein Name, den ich mir merken werde

Taj Farrant ist für mich eine Erinnerung daran, wie viel es auch im vertrauten Umfeld von Blues und Gitarrenrock noch zu entdecken gibt. „Chapter One“ bietet dafür einen überschaubaren Einstieg: eigene Stücke, erkennbare Vorbilder und zwei Klassiker, die den musikalischen Hintergrund greifbar machen.

Die Geschichte hinter diesem Debüt macht mich neugierig auf seinen weiteren Weg. Ob sich daraus ein dauerhafter Platz in meiner Musiksammlung entwickelt, entscheidet am Ende die Musik. Den Namen werde ich mir jedenfalls merken.

Kennst Du Taj Farrant bereits? Und mit welchem Stück würdest Du jemanden an seine Musik heranführen?

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