„Blende 2,8 bleibt Blende 2,8“ – stimmt das beim Sensorvergleich?
„Blende 2,8 bleibt Blende 2,8 – egal, wie groß der Sensor ist.“
Dieser Satz klingt eindeutig. Er lässt sich gut merken und scheint eine einfache Antwort auf eine häufige Frage beim Vergleich von Kamerasystemen zu geben. Doch wie bei vielen fotografischen Merksätzen kommt es darauf an, was genau damit gemeint ist.
Daneben steht eine zweite, ebenfalls verbreitete Aussage: „Blende 2,8 an Micro Four Thirds (MFT) entspricht Blende 5,6 an Vollformat.“ Auf den ersten Blick widersprechen sich diese beiden Sätze. Tatsächlich können beide zutreffen – wenn wir dazusagen, welche Eigenschaft wir vergleichen.
In dieser Folge von „Merksätze auf dem Prüfstand“ schauen wir deshalb genauer hin: Was stimmt an „Blende 2,8 bleibt Blende 2,8“? Wann hilft der Satz beim Fotografieren, und wann greift er zu kurz? Dafür müssen wir drei Dinge auseinanderhalten: die Belichtung pro Sensorfläche, die Schärfentiefe und die insgesamt gesammelte Lichtmenge.
Was Blende 2,8 tatsächlich beschreibt
Die Blendenzahl ist ein Verhältnis: die Brennweite geteilt durch den Durchmesser der Eintrittspupille. Damit ist die wirksame Öffnung gemeint, wie sie beim Blick von vorn ins Objektiv erscheint. Sie ist nicht einfach mit dem Durchmesser der Frontlinse gleichzusetzen.
Ein Objektiv mit 100 Millimetern Brennweite benötigt für f/2,8 eine Eintrittspupille von ungefähr 36 Millimetern. Bei 200 Millimetern sind es rund 71 Millimeter. Gleiche Blendenzahlen bedeuten deshalb keineswegs gleich große Öffnungen.
Die Sensorgröße kommt in dieser Definition nicht vor. Ein f/2,8-Objektiv bleibt ein f/2,8-Objektiv, unabhängig davon, welches Sensorformat dahinter sitzt. Die optischen Grundlagen erläutert dieser Fachtext zur Blendenzahl.
Blende 2,8 beim Sensorvergleich: gleiche Belichtung
Bei gleichem Motivlicht, gleicher Blendenzahl und gleicher Verschlusszeit entsteht näherungsweise dieselbe Belichtung pro Sensorfläche. Bei gleichem ISO-Wert sollten die Bilder auch ähnlich hell wiedergegeben werden.
Du musst also nicht allein deshalb länger belichten, weil Du einen kleineren Sensor verwendest. Kleine Unterschiede durch die tatsächliche Lichtdurchlässigkeit der Objektive und die Kameraabstimmung lassen wir hier außen vor.
Für Deine Belichtung bleibt f/2,8 damit f/2,8. Der Cropfaktor macht daraus an der Kamera keine Blende 5,6.
Die Formulierung „Es kommt gleich viel Licht auf den Sensor“ ist dennoch ungenau. Sie verschweigt, ob die Lichtmenge pro Flächeneinheit oder über die gesamte Sensorfläche gemeint ist.
Gleiche Bildhelligkeit ist nicht dieselbe Lichtmenge
Stell Dir zwei unterschiedlich große Schalen im gleichmäßigen Regen vor. In beiden steigt das Wasser gleich hoch. Die größere Schale enthält trotzdem mehr Wasser.
Ähnlich verhält es sich mit Sensoren: Bei gleicher Belichtung erhält jeder Quadratmillimeter ungefähr gleich viel Licht. Ein größerer Sensor sammelt über seine gesamte Fläche insgesamt mehr davon.
Das erklärt, weshalb zwei gleich helle Bilder unterschiedlich stark rauschen können. Bildhelligkeit allein verrät nicht, wie viele Lichtteilchen für das Bild gesammelt wurden. Diese Unterscheidung behandelt auch die Ausarbeitung zur Kameraäquivalenz.
Woher kommt die Umrechnung auf Blende 5,6?
Betrachten wir ein vereinfachtes Beispiel: Ein kleinerer Sensor hat gegenüber dem größeren einen Cropfaktor von 2. Beide besitzen dasselbe Seitenverhältnis. Die kleinere Sensorfläche ist damit ein Viertel so groß.
Wir fotografieren vom selben Standort, fokussieren auf dasselbe Motiv und betrachten die fertigen Bilder gleich groß. Für denselben Bildausschnitt verwenden wir am kleineren Sensor 100 Millimeter, am größeren 200 Millimeter.
Bei normalen Aufnahmeabständen liefert der kleinere Sensor mit 100 Millimetern und f/2,8 ungefähr dieselbe Schärfentiefe wie der größere mit 200 Millimetern und f/5,6. Auch die Hintergrundunschärfe lässt sich unter diesen Bedingungen näherungsweise vergleichen. Die genaue Bokeh-Anmutung hängt zusätzlich vom Objektiv ab.
Die Blende wird dabei nicht verändert. Wir übersetzen eine Bildwirkung zwischen zwei Formaten. Für Makroaufnahmen gelten zusätzliche Zusammenhänge; unser Beispiel bezieht sich auf übliche Aufnahmeentfernungen.
Aber braucht der größere Sensor dann einen höheren ISO-Wert?
Ja. Wenn wir am größeren Sensor von f/2,8 auf f/5,6 abblenden und die Verschlusszeit beibehalten, müssen wir für eine vergleichbare Bildhelligkeit den ISO-Wert um zwei Stufen erhöhen.
Aus den beschriebenen Zusammenhängen ergibt sich dieses Rechenbeispiel:
| Einstellung | Kleinerer Sensor, Cropfaktor 2 | Größerer Referenzsensor |
|---|---|---|
| Brennweite | 100 mm | 200 mm |
| Blende | f/2,8 | f/5,6 |
| Verschlusszeit | 1/1000 s | 1/1000 s |
| ISO | 800 | 3200 |
| Bildausschnitt und Schärfentiefe | ungefähr vergleichbar | ungefähr vergleichbar |
Der höhere ISO-Wert bedeutet hier nicht automatisch stärkeres Rauschen. Durch f/5,6 fällt pro Flächeneinheit ungefähr ein Viertel so viel Licht ein. Die viermal größere Fläche gleicht das bei der insgesamt gesammelten Lichtmenge näherungsweise aus.
Bei vergleichbarer Sensortechnik kann deshalb auch das durch die zufällige Ankunft der Lichtteilchen verursachte Rauschen im gleich groß ausgegebenen Bild ähnlich ausfallen. Reale Kameras unterscheiden sich allerdings zusätzlich durch Sensoreffizienz, Ausleserauschen und Bildverarbeitung. ISO allein ist kein verlässlicher Maßstab für einen Vergleich.
Was bringt Dir das beim Fotografieren?
Innerhalb Deiner eigenen Kamera bleibt die praktische Regel einfach: Öffnest Du von f/5,6 auf f/2,8, gewinnst Du zwei Belichtungsstufen. Du kannst beispielsweise statt 1/250 Sekunde mit 1/1000 Sekunde fotografieren, ohne den ISO-Wert zu erhöhen. Bei einem bewegten Tier kann das den Unterschied zwischen Bewegungsunschärfe und einer scharfen Aufnahme ausmachen.
Beim Vergleich verschiedener Sensorformate reicht die Blendenzahl dagegen nicht aus. Frage zuerst, was Du brauchst: dieselbe Verschlusszeit, dieselbe Schärfentiefe, möglichst wenig Rauschen oder eine gut tragbare Ausrüstung?
Mehr Schärfentiefe kann bei Tieren oder Nahaufnahmen willkommen sein. Eine stärkere Freistellung kann für ein Porträt erwünscht sein. Beides ist eine gestalterische Entscheidung.
Der Merksatz stimmt also, solange klar bleibt, worauf er sich bezieht: Blende 2,8 bleibt für die Belichtung Blende 2,8. Sie garantiert über verschiedene Sensorformate hinweg weder dieselbe Schärfentiefe noch dieselbe insgesamt gesammelte Lichtmenge. Wer diese Größen auseinanderhält, kann Ausrüstung sachlicher vergleichen und sich anschließend wieder dem Motiv widmen.


