Plattenporträts

Eric Clapton – Crossroads: ein Gitarrenleben auf sechs LPs

Manche Schallplatten halten eine bestimmte Phase im Leben eines Musikers fest. Andere öffnen den Blick auf einen längeren Weg. Eric Claptons „Crossroads“ gehört zur zweiten Gruppe: Die Box führt von den frühen Bluesaufnahmen über die Energie von Cream und die Musik von Derek and the Dominos bis zur Solokarriere.

Meine Ausgabe ist die Polydor-Box mit der Katalognummer 835 261-1. Auf der Verpackung steht außerdem „UK ROAD 1“. Die sechs Schallplatten sind sehr gut erhalten und gefallen mir auch klanglich. Eine gute Grundlage, um diese musikalische Reise auf Vinyl zu unternehmen.

Eine Rückschau mit Zusammenhang

„Crossroads“ erschien 1988 bei Polydor. Die Sammlung umfasst 73 Titel und wurde auf Vinyl als Box mit sechs LPs veröffentlicht. Sie ist eine umfangreiche Zwischenbilanz von Claptons damaliger Laufbahn. Die späteren Crossroads Guitar Festivals und deren Konzertveröffentlichungen sind davon zu unterscheiden.

Für die Zusammenstellung war Bill Levenson verantwortlich. Die Auswahl verbindet bekannte Stücke mit Archivmaterial und führt durch Claptons unterschiedliche musikalische Stationen. Dadurch entsteht ein Zusammenhang, den eine knappe Best-of-Platte kaum vermitteln könnte.

Gerade das macht eine solche Sammlung interessant: Vertraute Titel bekommen eine Vorgeschichte. Zwischen den großen Erfolgen tauchen Aufnahmen auf, die zeigen, welche Wege danebenlagen und wie sich ein Musiker weiterentwickelte.

Die frühen Jahre: tief im Blues verwurzelt

Die Reise beginnt bei den Yardbirds und führt zu John Mayall und den Bluesbreakers. Zur Auswahl gehören unter anderem „Boom Boom“, „Hideaway“ und „All Your Love“. Schon diese Aufnahmen bieten unterschiedliche Zugänge zu Claptons frühen musikalischen Wurzeln.

Beim Hören lohnt es sich, auf die Beziehung zwischen Gesang und Gitarre zu achten. Eine Gitarrenphrase kann antworten, eine Stimmung verstärken oder einen Gedanken scheinbar weiterführen. Dafür braucht es nicht immer ein langes Solo. Oft reichen wenige Töne, wenn Ausdruck und Platzierung stimmen.

Wer Clapton vor allem durch seine späteren Hits kennt, findet hier einen anderen Ausgangspunkt. Der Blues ist in dieser Sammlung eine Grundlage, von der aus sich die weiteren Kapitel erschließen lassen.

Cream: drei Stimmen, viel Spannung

Mit Cream verändert sich das musikalische Kräfteverhältnis. „Sunshine of Your Love“, „White Room“ und die Liveaufnahme von „Crossroads“ gehören zu den markanten Stationen der Box.

Hier lässt sich besonders gut auf das Zusammenspiel hören. Bass, Schlagzeug und Gitarre beanspruchen ihren eigenen Raum. Die Musik lebt davon, wie sich diese Stimmen gegenseitig antreiben, ergänzen und gelegentlich aneinander reiben.

Für mich liegt darin ein reizvoller Zugang zu einer solchen Rückschau: Claptons Entwicklung lässt sich nicht allein an seinen Soli verfolgen. Ebenso interessant ist, welche Rolle seine Gitarre innerhalb der jeweiligen Band übernimmt.

Bei Cream tritt sie in einen dichten musikalischen Austausch ein. Wer nur auf den Gitarristen wartet, verpasst einen wesentlichen Teil dessen, was diese Musik ausmacht.

Blind Faith und Derek and the Dominos

Mit Blind Faith und Derek and the Dominos verschieben sich die Schwerpunkte erneut. „Presence of the Lord“ und „Layla“ sind bekannte Wegmarken. Die Sammlung enthält außerdem Material aus den Sessions für das nicht fertiggestellte zweite Album von Derek and the Dominos.

Gerade solche Aufnahmen geben einer umfangreichen Box ihren zusätzlichen Wert. Sie lassen erahnen, was zwischen den regulären Veröffentlichungen entstand und welche Ansätze nicht zu einem abgeschlossenen Album führten.

Bill Levenson hat später in einem Interview beschrieben, wie begrenzt das brauchbare Material dieser Sessions tatsächlich war. Archivarbeit bedeutet eben auch, zwischen vollständigen Aufnahmen, Fragmenten und musikalisch tragfähigen Ergebnissen zu unterscheiden.

Als Hörer musst Du dafür keine Sessiondaten auswendig kennen. Es reicht, neugierig zu bleiben. Manchmal führt gerade ein weniger vertrauter Titel dazu, eine bekannte Band noch einmal anders wahrzunehmen.

Die Solokarriere: mehr Raum für den Song

Im weiteren Verlauf begegnen Dir unter anderem „After Midnight“, „I Shot the Sheriff“, „Cocaine“ und „Wonderful Tonight“. Die Auswahl reicht bis zu einer 1988 aufgenommenen Neufassung von „After Midnight“.

Diese Bandbreite verlangt etwas Offenheit. Wer ausschließlich den druckvollen Bluesrock sucht, wird andere Lieblingsstücke finden als jemand, der Claptons ruhigere Songs besonders mag.

Beim Hören kannst Du verfolgen, wie Stimme, Rhythmus und Arrangement mehr Aufmerksamkeit bekommen. Die Gitarre bleibt wichtig, übernimmt aber unterschiedliche Aufgaben: Mal steht sie deutlich im Vordergrund, mal setzt sie einzelne Akzente und lässt dem Lied mehr Raum.

Dadurch ergeben sich innerhalb der Box deutliche Wechsel. Gerade auf sechs LPs dürfen diese Unterschiede stehen bleiben. Sie gehören zur Geschichte, die „Crossroads“ erzählt.

Wie sich die Box auf Vinyl anhört

Meine Schallplatten sind sehr gut erhalten, und der Klang gefällt mir. Das ist zunächst mein persönlicher Eindruck von meinem Exemplar – keine allgemeine Bewertung aller Pressungen unter dieser Katalognummer.

Bei einer Sammlung aus verschiedenen Jahren und Aufnahmesituationen ist ohnehin kein völlig einheitliches Klangbild zu erwarten. Frühe Bandaufnahmen, Konzertmitschnitte und spätere Studioproduktionen bringen jeweils ihren eigenen Charakter mit.

Diese Unterschiede dürfen hörbar bleiben. Sie helfen sogar dabei, die musikalischen Veränderungen nachzuvollziehen. Eine ältere Aufnahme muss nicht wie eine spätere Produktion klingen, um beim Hören zu überzeugen.

Ein interessantes Detail zur Herstellung findet sich in den wiedergegebenen Originalbegleittexten: Die Zusammenstellung wurde digital kompiliert und gemastert. Die Veröffentlichung auf Vinyl bedeutet hier also keine durchgehend analoge Produktionskette. Über die tatsächliche Klangqualität sagt diese Information allein allerdings wenig aus.

Für mich zählt bei dieser Box, dass ich die Musik gern höre und die Platten in einem Zustand sind, der dieses Erlebnis unterstützt.

Sechs LPs brauchen keinen Marathon

Eine umfangreiche Sammlung kann dazu verleiten, möglichst viel auf einmal hören zu wollen. Bei „Crossroads“ erscheint mir ein anderer Zugang reizvoller: eine musikalische Phase auswählen, eine oder zwei Seiten aufmerksam hören und später weitergehen.

So bekommen auch die weniger bekannten Stücke eine Chance. Sie verschwinden nicht zwischen den Titeln, auf die man ohnehin schon wartet.

Das passt zum bewussten Hören auf Vinyl. Der Seitenwechsel schafft eine kleine Unterbrechung. Du kannst kurz zurückdenken, das Begleitmaterial zur Hand nehmen oder entscheiden, ob Du dieselbe Seite noch einmal hören möchtest.

Die Box wird dadurch zu einer Sammlung, zu der Du immer wieder zurückkehren kannst.

Was „Crossroads“ für mich interessant macht

Mich spricht an dieser Zusammenstellung die Verbindung von Blues und gitarrenorientierter Rockmusik an. Dazu kommt die Möglichkeit, einen Musiker über verschiedene Bands und Arbeitsweisen hinweg zu begleiten.

Nicht jede Phase muss dabei denselben Stellenwert bekommen. Eine solche Rückschau darf Vorlieben bestätigen und zugleich neue Anknüpfungspunkte schaffen.

Meine gut erhaltene Polydor-Ausgabe bietet dafür einen schönen Rahmen. Der Klang gefällt mir, und der Umfang lädt dazu ein, zwischen den bekannten Höhepunkten weiterzuhören.

Genau darin liegt für mich der Wert von „Crossroads“: Die Box versammelt vertraute Musik und öffnet daneben Türen zu Aufnahmen, denen man sonst vielleicht weniger Aufmerksamkeit schenken würde.

LP 1

Seite A – The Yardbirds

  1. Boom Boom
  2. Honey in Your Hips
  3. Baby What’s Wrong
  4. I Wish You Would
  5. A Certain Girl
  6. Good Morning Little Schoolgirl
  7. I Ain’t Got You
  8. For Your Love
  9. Got to Hurry

Seite B – John Mayall & Eric Clapton / John Mayall’s Bluesbreakers

  1. Lonely Years
  2. Bernard Jenkins
  3. Hideaway
  4. All Your Love
  5. Ramblin’ on My Mind
  6. Have You Ever Loved a Woman

LP 2

Seite C – Cream

  1. Wrapping Paper
  2. I Feel Free
  3. Spoonful
  4. Lawdy Mama
  5. Strange Brew
  6. Sunshine of Your Love
  7. Tales of Brave Ulysses
  8. Steppin’ Out

Seite D – Cream / Blind Faith

  1. Anyone for Tennis – Cream
  2. White Room – Cream
  3. Crossroads – Cream
  4. Badge – Cream
  5. Presence of the Lord – Blind Faith
  6. Can’t Find My Way Home – Blind Faith
  7. Sleeping in the Ground – Blind Faith

LP 3

Seite E

  1. Comin’ Home – Delaney & Bonnie
  2. Blues Power – Eric Clapton
  3. After Midnight – Eric Clapton
  4. Let It Rain – Eric Clapton
  5. Tell the Truth – Derek and the Dominos
  6. Roll It Over – Derek and the Dominos

Seite F

  1. Layla – Derek and the Dominos
  2. Mean Old World – Eric Clapton & Duane Allman
  3. Key to the Highway – Derek and the Dominos
  4. Crossroads – Derek and the Dominos

LP 4

Seite G – Derek and the Dominos

  1. Got to Get Better in a Little While
  2. Evil
  3. One More Chance
  4. Mean Old Frisco
  5. Snake Lake Blues

Seite H – Eric Clapton

  1. Let It Grow
  2. Ain’t That Lovin’ You
  3. Motherless Children
  4. I Shot the Sheriff
  5. Better Make It Through Today

LP 5

Seite I – Eric Clapton

  1. The Sky Is Crying
  2. I Found a Love
  3. (When Things Go Wrong) It Hurts Me Too
  4. Whatcha Gonna Do
  5. Knockin’ on Heaven’s Door
  6. Someone Like You

Seite J – Eric Clapton

  1. Hello Old Friend
  2. Sign Language
  3. Further on Up the Road
  4. Lay Down Sally
  5. Wonderful Tonight

LP 6

Seite K – Eric Clapton

  1. Cocaine
  2. Promises
  3. If I Don’t Be There by Morning
  4. Double Trouble
  5. I Can’t Stand It
  6. The Shape You’re In

Seite L – Eric Clapton

  1. Heaven Is One Step Away
  2. She’s Waiting
  3. Too Bad
  4. Miss You
  5. Wanna Make Love to You
  6. After Midnight

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Mit dem Absenden deines Kommentars werden die von dir angegebenen Daten zur Bearbeitung und Veröffentlichung des Kommentars verarbeitet. Weitere Informationen findest du in meiner Datenschutzinformation.

Zeige mir, dass du ein Mensch bist: